HEIMAT abroad — Lebenslinien

Lebenslinien: Ulrike Sitter, Gründerin von Ulli's Oil Mill

November 2018 · www.heimatabroad.com

Wie schön, dass du an einem Interview für unsere Webseite www.heimatabroad.com teilnehmen möchtest!

Liebe Ulrike / Ulli, stell dich doch erst einmal in ein paar knappen Sätzen vor!

Ich komme aus Österreich, von der bayrischen Grenze um Salzburg und habe Innovations-, Gründungsmanagement und Finanzierung studiert. Schon während des Studiums wollte ich immer meine eigene Firma haben. Irgendwie bin ich aber durch ein Praktikum in Singapur mehr in den Finanzbereich. Ich wollte immer etwas machen, was für mich Sinn macht. Im stark männerdominierten Finanzbereich fand ich das überhaupt nicht.

Ich habe meinen Mann (NYer) vor 12 Jahren in London kennengelernt. Wir haben zwei Töchter, 7 und 5 Jahre alt.

Wie lange lebst du schon in den USA und wo genau wohnst du?

Wir sind kurz vor der Geburt unserer ältesten Tochter von London nach NYC umgezogen. Inzwischen sind es 7 Jahre, seitdem wir in den USA wohnen und ich finde, dass NYC sehr viel mit einer Kleinstadt in Österreich gemeinsam hat. Vom Einkaufen in der Madison Park Nachbarschaft (Eataly, Union Square Farmers Market) bis zum „Freunde auf der Straße treffen“. Alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Was machst Du? In welchem Bereich ist Deine Firma?

Ganz nach Hippokrates, bin ich überzeugt, dass unsere Nahrung auch unsere Medizin sein soll. Anstatt Nahrungsergänzungsmittel (womöglich mit Schwermetallen) ist es doch sinnvoller, lokale, frische hochwertige Nahrungsmittel zu essen.

Ich versuche, die NYer Landwirtschaft und kulinarische Szene mit meinen Ölsaaten und Ölen zu bereichern. Ich arbeite eng mit meinen Bio-Bauern und auch Cornell Universität (Hanf Öl und Hanf Protein Fiber) zusammen. Von der Saatgutbeschaffung, bis zur Anbauweise (Leindotter im Mischanbau), bis zur Trocknung bin ich involviert.

Bitte erzähle uns

Die lokal angebauten Bio-Ölsaaten presse ich mit der kleinsten Stempelpresse weltweit in Long Island City, Queens um die 25 Grad Celsius schonenst, sodass alle Vitamine und Fettsäuren erhalten bleiben. Im Moment habe ich Leindotter Öl, Raps Öl, Sonnenblumen- Chili Öl, Hanf Öl und steirisches Kürbiskern Öl (Kerne zur Zeit noch importiert). Da muss ich aber noch ein bisschen wachsen, bis ich mir die Kürbiserntemaschine leisten kann, um sie hier vor Ort anzubauen.

Den Presskuchen, der nach dem Pressen übrig bleibt, mahle ich mit der Steinmühle zu hochwertigen Protein Mehlen. Hanf hat zusätzlich zum Protein noch viel Fasergehalt. Bestens fuer unsere Verdauung.

Nichts wird weggeschmissen. Es ist ein Kreislauf.

Es ist auch interessant zu sehen, dass Ölsaaten, wie Wein „Terroir“ haben und verschieden schmecken.

Wie bist Du auf Deine Ölmühle, auf den Anbau und Herstellung von Spezialitäten Öle und Proteine gekommen?

Wie gesagt, gingen mir die Öle, mit denen ich aufwuchs ab. Importiert, wenn man sie überhaupt findet, sind sie manchmal über dem Ablaufdatum. Das Supermarkt Öl ist oft chemisch extrahiert, gebleicht, raffiniert, deodorisiert, gefiltert für maximale Haltbarkeit. Wenn man Glück hat findet man Schraubengepresstes Öl (expeller pressed). Dieses Verfahren erzeugt aber immer auch Reibungshitze, die wiederum wertvolle Inhaltsstoffe zerstört.

Wie verwendet man Deine Öle/Protein Mehle am besten?

Über Salat, Nudeln, Risotto, über Fisch, Gegrilltes, als Butter Ersatz (Raps Öl), gegartes Gemuese. In Eierspeis, über Salat oder Vanille Eiscreme (Kuerbiskern Öl). Das einzige was man nicht machen sollte, ist starkes Erhitzen. Unsere Öle sind mehr „finishing oils“.

Unsere Protein Mehle verwende ich täglich über mein Morgen Müsli (und auch Hanf Öl), als Substitut beim Backen, bei Waffeln, in Smoothies, beim Überbacken (Kürbiskern Mehl). Das Sonnenblumen Chili Mehl ist excellent zum Würzen und auch Saucen binden.

Was hat dich in die USA geführt?

Mein Mann, er ist aus New York;)

Mir gefiel NYC immer schon sehr. Man trifft die Welt hier.

Was liebst du besonders an deiner neuen Heimat?

Ich finde die Leute aufgeschlossen, unternehmerisch, freundlich und positiv! „Good for you“ höre ich oft, anstatt, Misstrauen, warum jemand mehr hat als andere.

Die National Parks finde ich toll. Die Vielfalt der Landschaften. Ich komme gerade vom Klettern in Joshua Trees, Kalifornien.

Und was vermisst du besonders an Deutschland? An Österreich;)

Es ist die schnelle Erreichbarkeit von Natur und das man in kurzer Zeit in so vielen verschiedenen Landschaften (Wein/Wachau, Bergsteigen, Schwimmen im Trinkwassersee, in Italien am Meer) sein kann. Das Wandern von Hütten zu Hütten in den Alpen.

Ich glaube, ich vermisse vieles;) Die gleichere Gesellschaft? Ein geringerer Unterschied zwischen arm und reich. Das bessere Essen zu erschwinglichem Preis. Das Theater, die Konzerte alles zu einem erschwinglichen Preis.

Vielleicht auch, dass man in Österreich mehr Zeit hat zu leben. Der Arbeitsalltag ist weniger aufreibend.

Wie unterscheidet sich das Arbeitsleben von demjenigen in der alten Heimat? Hat sich der Umzug nach Amerika auf deine Karriere ausgewirkt? Hast du eventuell sogar einen ganz neuen beruflichen Weg eingeschlagen? Wenn ja: warum?

Ich wurde erst in NYC Mama;) d.h. für mich ist es schwer, mein Leben mit Österreich zu vergleichen. Alles ändert sich, wenn man Kinder hat.

Für mich war der Weg in die Selbstständigkeit die einzige sinnvolle Wahl. Anfangs dachte ich, ich würde helfen, ein österreichisches Weinportfolio aufzubauen. Schnell merkte ich, dass die Preise unserer exzellenten Österreichischen Weine nicht mit den Zielverkaufspreisen des Weinimporteur zu vereinbaren waren.

Mein nächster Gedanke war: was könnte ich importieren. Regelmäßig war ich am Union Square und vermisste die kaltgepressten, lokalen Öle, wie Leindotter, Raps, Gewürz Öle auf Sonnenblumenbasis, Hanf Öl, natürlich auch das Kürbiskern Öl.

Hast du das Gefühl, dass es in Amerika leichter ist, sich selbstständig zu machen beziehungsweise selbstständig zu sein?

Ja und Nein. Alles spricht aber dagegen in NYC zu produzieren. Es dauerte mich sehr lange, um einen Platz für meine 1t schwere Stempelpresse zu bekommen. FoodIncubatoren haben typischerweise Bäcker (Kekse, Brot), Saucen Hersteller und Caterer. Jedoch niemand mit einer Spezialmaschine, die eine 3 Phasen Starkstrom Leitung braucht.

Wie sieht ein typischer Montagmorgen bei dir aus?

Unsere Kinder, 7 und 5 zum Schulbus bzw. in die Schule bringen und mich dann auf die neue Arbeitswoche zu freuen, dass ich wieder Zeit für meine Ölmühle nach dem langen Familienwochenende habe;)

Hast du dich durch deinen Umzug nach Amerika verändert?

Sicherlich. Es gibt hier kein Kindergeld, kein soziales System. Ich erwarte mir keine Unterstützung vom Staat. Das machte mich sicher unternehmerischer.

Hast du etwas Spezielles durch das Auswandern und das Leben in Amerika über dich gelernt?

Ich bin anpassungsfähig und kann mich sehr schnell im Ausland eingewöhnen. Lerne schnell, Freunde kennen.

Was machst du, wenn du Heimweh hast?

Ich spreche mit meinen Töchtern Deutsch zu Hause. Wir haben ein kleines Österreich für uns geschaffen. Die deutschen Schulen, Pusteblume und nette Aktivitäten wie der Martinsumzug machen es leichter, beide Kulturen, die österreichische/deutsche mit der amerikanischen zu verbinden. Wir feiern prinzipiell alle Anlässe: Thanksgiving, Nikolaus, das Christkind, Santa, ...

Wir hatten immer Deutschsprachige Familien in unserem Freundeskreis. Das macht es natürlich auch viel leichter.

Hast du Tipps, wie man sich mental und organisatorisch am besten auf einen Auslandsumzug vorbereiten kann?

Meine Mitbewohnerin zu Studienzeiten war Psychotherapeutin. Sie gab mir einen sehr interessanten Artikel, über die verschiedenen Phasen, die man bei einem Auslandsaufenthalt durchlebt. Anfangs ist alles perfekt und besser als im Heimatland, dann kommt das erste Problem, man fällt in ein Tief, dann geht es bergauf, ist man wieder in der Heimat retour, wird alles im Ausland als besser wahrgenommen.

Mir hilft dieser Zusammenhang, beim Einleben in neue Länder und Städte.

Mit welchen Sprachen wachsen deine Kinder auf? Was tust du für ihre sprachliche Entwicklung?

Unsere Kinder sprechen Deutsch, Englisch und etwas Spanisch.

Ich spreche nur Deutsch zu Hause. Auch verbringen wir unsere Sommer in Österreich. Meine Eltern sind sehr engagiert und kommen zweimal im Jahr auf Besuch für längere Zeit. Zusätzlich haben unsere Mädchen gleichaltrige Cousins und Cousinen.

Welche drei Dinge lässt du dir von deinem Besuch aus Österreich mitbringen?

Kinderbücher und CDs, Manner Schnitten und andere österreichische Spezialitäten (Marillenmarmelade, Wein, Brot)

Und welche drei Dinge würdest du mitnehmen, wenn du morgen wieder zurück in deine alte Heimat ziehen würdest?

Den positiven Enthusiasmus, das Meer;) und die vielen lieben Menschen, die wir kennenlernen durften.

Welche Jahreszeit magst du am liebsten und warum?

Den Herbst, weil es noch lange sehr angenehm warm sein kann.

Welchen Feiertag magst du am liebsten und warum?

Ich liebe alle Feiertage, weil sie Familienzeit bedeuten.